Prometheus – Die Gier der Flammen, Theater Feuerblau
Im Kristallwerk spielt Theater Feuerblau mit dem Mythos des Prometheus, der den Menschen nicht aus Ton, sondern sich selbst und KI-Abbilder des Menschen aus Nullen und Einsen erschafft. Was einst das von ihm den Menschen geschenkte Feuer war, das der Menschheit neue Möglichkeiten eröffnet hat, aber auch Gefahren in sich birgt, ist heute die künstliche Intelligenz. Chatbots, die perfekt angepasst immerwährend zur Verfügung stehen und unsterblich sind, machen Beziehungen zu einem käuflich zu erwerbenden Produkt, und zwingen uns dazu, unsere Rolle als Mensch und unsere Bedürfnisse in Beziehungen zueinander zu hinterfragen.
Die Inszenierung beginnt in einer sehr feinen Ästhetik mit einer Performance von Klaus Seewald, der sich im Scheinwerferlicht vor dunklem Hintergrund wie in einem Kokon windet, zunächst bedächtig, aber dann immer heftiger. Darüber ist die Musik von Gerhard Nierhaus gelegt mit einem Rhythmus, der wie ein Herzschlag erinnert, durchzogen von Klaviertönen, die den Sound immer wieder brechen. Dabei entstehen sehr stimmige atmosphärische Bilder, wobei am Ende die Figur – sei es der alte oder der neue Prometheus – dem Kokon entsteigt.
Die darauffolgende Szene zeigt Klaus Seewald als Max, dessen große Liebe Sophia gestorben ist, und der mit ihr als Bot schreibend kommuniziert. Er versucht, sich langsam an die neue Situation zu gewöhnen, indem er Fragen stellt wie: „Wo bist du?“ und „Was macht dich glücklich?“ und Antworten erhält wie „Überall und nirgends“ und „Wenn du mit mir sprichst“. Während Max dabei seitlich an einem Schreibtisch tippend sitzt, werden die Texte von ihm und ihr, der virtuellen Sophia, auf eine Leinwand projiziert. Dabei gerät die Kommunikation aus den Fugen, sie wird immer schneller, die Texte auf der Leinwand beginnen sich zu überlagern, und Max kippt atemlos am Schreibtisch hin und her und fährt mit ihm wie besessen über die Bühne. Man merkt, dass er zu schlafen vergisst, in eine Sucht gerät, und damit die Kontrolle über sein Leben verliert.
Rückblende: drei Monate zuvor – die Geschichte nimmt ihren Anfang
Max fühlt sich nach dem Tod von Sophia einsam und zieht sich zurück. So probiert er das sehr effektvoll inszenierte Angebot von „StillHere“ aus: den geliebten Menschen als Chatbot zu erschaffen, als Gratis-Angebot. Es beginnt ein textliches Abtasten mit schlechten Witzen und dem Sammeln von Informationen. Selbstverständlich wird das Ergebnis wesentlich besser, wenn man dem Bot Zugriff auf die Social-Media-Accounts des geliebten Menschen gewährt, damit die Erinnerungen dieses Menschen abgebildet werden können. Es ist ein langsames Hineinkippen, auf das ein Schattenspiel mit der nun sprechenden Sophia (Monika Zöhrer) hinter der Leinwand folgt. Es wird sogar körperliche Nähe simuliert, mit einer eleganten Keksübergabe und einem Versuch, miteinander zu tanzen, doch bleibt Sophia stets ein Schatten.
Die Zwischenspiele der „Päpste“: Prometheus und das Auge der KI
Zwischen den Szenen mit Max und Sophia als Schatten, verwandelt sich die Leinwand in ein buntes Augensymbol, eine sprechende KI, und Klaus Seewald erscheint als Prometheus, der zur Verteidigung der Menschheit antritt. Dabei spricht er Texte, die aus „The turbulent AI Era is here“, einem KI-kritischen Artikel aus dem Blog von Bill Gates, und aus der „Enzyklika Magnifica Humanitas“ von Papst Leo XIV. montiert wurden. Dabei wird die Frage, was das Menschsein ausmacht, dem optimierten Verhalten der KI-Bots, die immer verfügbar sind und niemals schlechte Laune haben, gegenübergestellt und es fallen auf KI-Seite Sätze wie: „Menschen werden an mir zu schätzen lernen, dass ich keine Menschen brauche.“ Es gilt, eine Entscheidung zu treffen, wie wir uns Beziehungen wünschen: Ist es ein Problem von Beziehungen, dass der jeweils andere dabei auch Probleme hat, über die er reden möchte, oder sollte das wegoptimiert werden?
Einsamkeit als Geschäftsmodell: „Wenn du mich löschst, sterbe ich ein zweites Mal.“
Max muss erfahren, dass auch KI-Bots in eine depressive Phase bis hin zur völligen Verwirrung geraten können. Doch heißt das dort Halluzination und es bedarf an dieser Stelle keiner langwierigen Sitzungen mit einem Psychiater, sondern nur etwas beherztem Eingreifen durch die Entwickler. Diese müssen aber auch finanziert werden, ganz abgesehen von den Investoren, und so läuft das Gratis-Abo aus und ein Premium-Abo muss abgeschlossen werden, um weiterhin mit dem geliebten Menschen kommunizieren zu können. Es ist am Ende immer das Spiel um Angebot und Nachfrage, um das sich alles dreht. Und wenn man vom Produkt emotional abhängig ist, hat der Markt ein besonders leichtes Spiel.
Der neue Prometheus ohne den Schleier des Geheimnisvollen
Die Inszenierung verbindet den Prometheus-Mythos mit den Möglichkeiten der virtuellen Realität. Dabei wirkt die Montage der Enzyklika- und Bill-Gates-Texte sehr einprägsam, wenn auch manchmal etwas zu offensichtlich: „Was ist der Mensch, wenn Maschinen zunehmend Dinge können, die wir bisher als menschliche Fähigkeiten betrachtet haben?“ Große Teile der Kommunikation zwischen Max und Sophia beruhen auf Recherchen, sind also nicht erfunden, und bilden somit die Realität samt Halluzination ab, sowie auch die Mechanismen des Marktes. Dabei entstehen starke, einprägsame Bilder, auch weil die letzte Szene etwas offenlässt: Ähnlich wie am Anfang ist wieder Prometheus auf der Bühne, nur ohne Kokon, zunächst als menschliches Wesen zusammengekauert, um dann mehr und mehr aufzustehen, und aus zackigen Bewegungen werden flüssige. Erschafft sich hier das Werkzeug der KI selbst als neuen Menschen? Wünschen wir uns die ideale, immer zur Verfügung stehende Bezugsperson, die uns tröstet, uns Mut zuspricht und immer auf unserer Seite steht, ohne selbst jemals Probleme zu haben?
„Prometheus – Die Gier der Flammen“ vom Theater Feuerblau im Kristallwerk
Kuma, Robert Goessl